Der Anblick eines Gimpel-Männchens lässt das Herz eines jeden Vogelbeobachters höher schlagen - auch meins. Besonders im Winter. Und zwar nicht nur, weil man die Vögel im kahlen Geäst besonders gut sieht, sondern auch weil sie in der braun-grauen Jahreszeit einfach ein grandioser Farbtupfer sind. Gimpel - egal, ob nun Männchen oder Weibchen - sind einfach schön. Der rundliche Fink mit dem mächtigen Schnabel zeigt sich aber nur im Winter gern und häufig. Dann taucht er als Paar oder in mehr oder weniger großen Trupps in Gärten, Parkanlagen, Wäldern oder Gehölzstreifen auf, um Knospen oder Samen zu fressen. Oft trifft er dabei auf Verwandte aus dem russischen Norden, den berühmt-berüchtigten Trompeter-Gimpeln (Pyrrhula pyrrhula phyrrhula), aber dazu komme ich noch. Mit bis zu 17 Zentimetern Körperlänge ist der Gimpel ein großer Vertreter unserer einheimischen Finkenfamilie. Männchen und Weibchen sind leicht voneinander zu unterscheiden. Sowohl beim Männchen als auch beim Weibchen sind Oberkopf und Gesicht schwarz. Beide haben einen weißen Bürzel und eine weiße Flügelbinde. Die Brust des Männchens ist rot, die des Weibchens beige-grau. Jungvögel haben noch keinen schwarzen Kopf und tragen helle graubraune Farben.
Gimpel wirken aufgrund ihres kompakten Körpers irgendwie behäbig und plump, was ihnen zusammen mit der roten Färbung des Männchens verschiedene Namen wie "Dompfaff" usw. eingebracht hat, worauf ich aber nicht weiter eingehen möchte. Denn darüber wurde schon genug geschrieben. Ja, die Vögel wirken weder zappelig noch unruhig, aber wer sie aufmerksam beobachtet, wird schnell feststellen, dass sie alles andere als plump sind.
Bei der winterlichen Nahrungssuche zum Beispiel versuchen sie sehr einfallsreich und gelenkig an die Samen von Gehölzen zu gelangen. Sehr beliebt sind die Samen von Esche und Ahorn oder Buche und Birke. Liegt kein Schnee, fressen Gimpel außerdem die Samen verschiedener Kräuter wie zum Beispiel von Brennesseln oder Hopfen. Auch jene, die auf dem Boden verstreut sind. Vom Frühjahr bis in den Herbst nehmen Gimpel das, was ihnen geboten wird: Knospen verschiedener Bäume und Büsche sowie Blüten verschiedener Obstgehölze, was so manchen Gartenbesitzer ziemlich ärgert. Beeren und Früchte von Eberesche und Co. sowie Staudensamen bereichern die Nahrung im Sommer und Herbst. Ist die Nahrung im Winter knapp, lassen sich Gimpel gern an Vogelfutterstellen blicken. Bei der Ernte ihrer Nahrung zeigen Gimpel, was sie bewegungstechnisch so drauf haben und das kann recht beeindruckend sein. Auch über ihre Geschicklichkeit wie sie ihren wuchtigen Schnabel einsetzen, um Samenschoten zu öffnen, ohne dass der Samen zu Boden fällt, kann man nur staunen. Samen und Beeren werden mit dem Schnabel zum Aufplatzen gebracht, damit die Zunge die Samen herausfischen kann. Dann wird das Fruchtfleisch weggeschleudert und der Samen geschält. Und das alles mit diesem Schnabel und einer winzigen Zunge! Gimpel scheinen übrigens Pfützenliebhaber zu sein, denn ich habe die Vögel schon mehrmals zu allen Jahreszeiten an Pfützen trinken sehen.
Einheimische Gimpel (Pyrrhula pyrrhula europaea) sind standorttreu und ziehen nur in kalten, langen oder sehr schneereichen Wintern weiter. Während man sie in der kalten Jahreszeit - wie bereits geschrieben - gut beobachten kann, werden sie mit Beginn der Brutzeit nahezu unsichtbar. Dazu trägt auch die Belaubung der Gehölze bei, denn im Spiel von Licht und Schatten zwischen Blättern und Zweigen sind Gimpel hervorragend getarnt. Dass Gimpel-Pärchen ein Leben lang zusammen sind, ist übrigens nicht belegt. Belegt ist lediglich, dass Gimpel sich für eine Brutsaison finden und sich während der Saisonehe monogam verhalten.
Gebrütet wird in Nadelbäumen, vorzugsweise Fichten - hin und wieder auch in dichten Gebüschen. Egal, ob Mischwald, Parkanlage, großer Garten, Gehölzränder usw. - sofern Nadelbäume Bestandteil sind, kommt das Areal für eine Gimpelbrut in Frage. Die Brutsaison beginnt im April und endet im September. Die Balzrituale und der Nestbau sind bei Familie Gimpel eine wahrhaft komplizierte Angelegenheit, das sei gesagt. Die Partnerwahl beginnt nach der Jugendmauser - in der Hauptrolle - man staune - das Weibchen. Es plustert sich auf und droht und wenn das Männchen nicht reagiert, wird es sogar angegriffen. Zeigt das Männchen Interesse am Weibchen, wird es sich seinerseits aufplustern und sich dem Weibchen vorsichtig immer weiter nähern, bis es dessen Schnabel kurz berühren kann. Und dann ... erstmal schnell weg. Ist das Weibchen mit dem Männchen zufrieden, wird es diese Geste seinerseits wiederholen und so geht es dann eine Weile mit dem Schnäbeln hin und her. Balz und Paarung verlaufen ähnlich kompliziert und bedürfen einer Halmübergabe des Männchens an das Weibchen. Den Nistplatz wählen Herr und Frau Gimpel gemeinsam aus. Der Nestbau obliegt dem Weibchen. Zwar bringt Herr Gimpel ab und zu ein Zweiglein oder einen Halm, aber nur um diesen zu zeigen und dann fallen zu lassen. Nach zwei Wochen Brutzeit schlüpft der Nachwuchs. Übrigens: Außerhalb der Balzzeit singen und zwitschern Männchen und Weibchen gleichermaßen. Während der Paarungszeit singt dann lediglich das Männchen. Allerdings haben Gimpel keinen Reviergesang, weil sie keine klassischen Reviere bilden und diese somit auch nicht verteidigen müssen. Gesungen und gezwitschert wird ausschließlich für den Partner.
In den Wintermonaten erhalten unsere einheimischen Gimpel (Pyrrhula pyrrhula europaea) Gesellschaft von Gimpeln aus den skandinavischen sowie östlichen Ländern. Diese Vögel sind anders als unsere Gimpel Zugvögel und räumen im Winter ihre Brutgebiete.
Unter den Wintergästen sind Gimpel, die völlig anders rufen als unsere. Sie tragen den Namen "Trompetergimpel" (Pyrrhula pyrrhula pyrrhula) und stammen vermutlich aus dem Norden Russlands. In manchen Wintern kann man sie zahlreich und häufig antreffen - es ist wirklich ein toller Anblick, so einen Gimpel-Trupp im Licht der winterlichen Morgensonne auf einem Baum zu entdecken. Immer wieder wird unter Vogelfreunden diskutiert, woran man einen Trompetergimpel erkennt. Da wird angegeben, der Vogel sei größer, sein Schnabel mächtiger, die schwarzer Kopfplatte größer und die weiße Flügelbinde breiter ... Ja, das mag alles sein. Aber ich kann das weder im Gelände noch auf meinen Fotos als klare Regel ausmachen. Ich habe zwar im Gelände den Eindruck, dass die russischen Vögel größer sind als unsere. Das ist aber auch alles und eben nur mein Eindruck. Eine sichere Unterscheidung ist nur anhand des Rufes möglich, der dem einer Kindertröte gleicht und im Gelände recht weit zu hören ist. Unsere Gimpel singen nicht nur bedeutend leiser, sondern auch höher und ganz anders als die Trompetergimpel. Wer Trompetergimpel im Winter erkennen will, sollte sich also unbedingt den Ruf der Vögel einprägen.