
Im September 2019 hatte ich verdammt viel Glück, denn ich konnte ein unglaublich kleines, geschmeidiges und hübsches Tierchen beobachten - das Mauswiesel (Mustela nivalis). Wobei nicht ganz klar war, wer eigentlich wen beobachtet hat bzw. wer neugieriger war: das Mauswiesel oder ich. Denn tatsächlich blieb es in meiner Nähe und lugte immer wieder zwischen den Steinen hervor. Es nahm mich interessiert in Augenschein, während ich auf der anderen Seite mit meiner Kamera auf ein gutes Foto hoffte. Dass auf meiner Wochenendstrecke über das ehemalige Flugfeld Staaken Mauswiesel rumhuschen, wusste ich schon länger. Hin und wieder hatte ich eins dieser überaus schnellen Tiere über den Weg flitzen oder in den Kalksteinmauern verschwinden sehen. Fotografieren lassen wollte sich aber keines. Ich denke, ich muss nicht extra betonen, dass ich bei dieser Gelegenheit Unmengen von Fotos gemacht habe und Mühe hatte, dem ungefähr 20 Zentimeter langen Etwas mit der Kamera zu folgen. Die Geschwindigkeit dieser Tiere ist nicht umsonst legendär ("flink wie ein Wiesel"), das sei gesagt. Okay. Am Ende sind nicht viele brauchbare Fotos herausgekommen. Aber selbst wenn keines der Fotos etwas geworden wäre: Die Zeit mit dem Mauswiesel gehört zu meinen schönsten Tierbegegnungen ... und auch zu den seltensten. Erst im April 2024 konnte ich einem Mauswiesel noch einmal etwas näher kommen.
Ob das Männchen im September 2019 in der Mauer seinen Bau hatte, auf Nahrungssuche war oder nach einem Weibchen Ausschau hielt (Mauswiesel paaren sich das ganze Jahr über), kann ich natürlich nicht sagen. Das Mauswiesel im April 2024 hatte seinen Bau jedenfalls im Gebüsch gegenüber einer Kalksteinmauer. Und auch bei dieser Begegnung war es so, dass das Mauswiesel extrem neugierig war und bei meinem Auftauchen nicht auf Nimmerwiedersehen in seinem Bau verschwand.

Wie der Name schon sagt, liebt das winzige Wieseltier, das zu den Mardern gehört, Mäuse. Insekten und Zauneidechsen, die in und um die Mauern herum ihren Lebensraum haben, stehen ebenfalls auf dem Speiseplan eines Mauswiesels genauso wie Eier oder Jungvögel. Da die Kalksteinmauern auf dem Flugfeld Staaken teilweise von artenreichen Hecken begrenzt werden, dürfte es auch in dieser Hinsicht reichlich Beute für den Miniräuber geben. Zauneidechsen und Mäuse sind jedoch nicht nur Nahrung für Mauswiesel. Rotfuchs, Mäusebussard und Turmfalke sind regelmäßige Beutegreifer auf dem Flugfeld. Auch Rotmilan und Habicht beobachte ich immer wieder. Sie alle fangen Mäuse, Eidechsen und ... ja, Mauswiesel. Erwähnt sei, dass sich Mauswiesel auch gern in der Nähe der Menschen aufhalten, sofern es ausreichend Nahrung sowie Unterschlupfmöglichkeiten in Mauern, Holzstapeln oder im Wurzelwerk von Bäumen gibt. Wer in seinem Garten von Angehörigen der Mäuse- oder auch Rattenfamilie geplagt wird, sollte über die Anwesenheit ein Mauswiesels ausgesprochen glücklich sein, denn es gibt kaum einen effektiveren Jäger als das Mauswiesel, welches den Nagetieren sogar in die Gänge folgen kann.
Die Kalksteinmauern entlang des Teerweges, der durch das Flugfeld Staaken führt, sind insbesondere auf der besonnten Seite wertvolle, artenreiche Lebensräume und das - wie bereits geschrieben - nicht nur für das Mauswiesel und die Mäuse. Zauneidechsen finden in diesem Gebiet fast überall passende Lebens- und Reproduktionsräume, wobei sich die Mauern besonderer Beliebtheit erfreuen.
Für Insekten spielen die Kalksteinmauern ebenfalls eine wichtige Rolle. Schmetterlinge zum Beispiel können sich auf den Steinen ausruhen oder ein Sonnenbad zum Aufwärmen nehmen. Sie profitieren wie diverse Bienen und Hummeln außerdem vom Blütenreichtum rings um die Mauern.

Insbesondere im fortgeschrittenen Sommer finden sich sogar einige Seltenheiten ein: Mauerfuchs, Ockerbindiger Samtfalter und Taubenschwänzchen. Mauerfuchs und Ockerbindiger Samtfalter bevorzugen warme, sandige bis felsige Lebensräume, in denen bestimmte Gräser für die Raupen gedeihen müssen. Taubenschwänzchen wiederum lassen sich gern auf den Steinen nieder, um von ihrer anstrengenden Nahrungssuche zu pausieren. Regelmäßig lassen sich Admiral und Tagpfauenauge sowie Libellen auf den Steinen sitzend beobachten. Wespen bauen in den Ritzen und Spalten gern ihre Nester und Tiere wie die Weinbergschnecke nutzen die Verstecke zwischen den Steinen gern als Rückzugsraum an heißen Tagen. Und selbstverständlich muss ich noch einmal die Mäuse erwähnen, die in diesem Artikel ja eine Hauptrolle spielen, wenn auch keine sonderlich gute. Denn schließlich fallen sie vielen Beutegreifern zum Opfer. Im Winter dienen die Mauern außerdem als Überwinterungsquartier für eine Vielzahl verschiedenster Lebewesen. Und nicht zuletzt wachsen im Umfeld der Kalksteinmauern jede Menge Pflanzen, unter denen sich manche Besonderheit entdecken lässt, zum Beispiel die Weiße Resede - eine Hauptnahrungspflanze der Resedafalter-Raupen. Daneben blühen Schönheiten wie der Wiesen-Bocksbart, die Wiesen-Flockenblume und Natternkopf, Gewöhnlicher Hornklee und Seifenkraut (das besonders gern von den Taubenschwänzchen besucht wird).
Leider ist es um das Gelände des ehemaligen Flugfeldes Staaken nicht gut bestellt. Als ich es im Jahr 2015 zum ersten Mal besuchte, war ich total hin und weg angesichts der unendlich vielen Tier- und Pflanzenarten. 1997 von der Deutschen Bahn als Ausgleichsmaßnahme angelegt, hatte sich dort ohne Störung durch Menschen ein kleines Paradies entwickelt. Viele Vogelarten und Schmetterlinge habe ich dort zum ersten Mal selbst gesehen und erlebt.

Die Fliegenschnäpper-Familie war mit Braunkehlchen und Schwarzkehlchen, Hausrotschwanz und Gartenrotschwanz, Nachtigall, Grauschnäpper, Rotkehlchen und Steinschmätzer zahlreich vertreten. 5 bis 6 Steinschmätzer-Brutpaare allein auf der Berliner Seite waren die Regel. Noch 2019 nistete ein Pärchen in einer der Kalksteinmauern am Weg. Die Rufe des Wendehalses und des Feldschwirls gehörten wie der Gesang von drei Grasmücken-Arten zur normalen Geräuschkulisse im Gebiet. In den Wintermonaten war der Raubwürger regelmäßiger Gast. Heute ist das Gebiet von Müll und Vandalismus geprägt. Die Kalksteinmauern wurden zerstört, um Umrandungen für Lagerfeuer mitten im Gelände anzulegen oder weil man einfach Lust hat, etwas zu zerstören. Büsche und Bäume werden abgebrochen bzw. abgesägt, um sie in den Lagerfeuern zu verheizen. Überall liegt Müll. Und ebenfalls überall sind (meist abgeleinte) Hunde mit ihren Menschen. Inzwischen nisten gerade noch zwei Steinschmätzer-Paare im Gebiet, wobei einer der Brutplätze wegen einer neuen, riesigen Lagerfeuerstelle bestimmt nicht mehr besetzt wird. Wendehals, Feldschwirl, Braunkehlchen und Raubwürger sind inzwischen sind Geschichte. Feldhasen und Rehe sind Ausnahmeerscheinigungen geworden. Ich habe mir in den letzten Jahren die Finger wund geschrieben, um für dieses einmalige Gebiet irgendetwas zu erreichen und sei es nur, dass die Hundehalter kontrolliert werden, so dass sie ihre Hunde anleinen. Meine Hoffnung, dass das irgendwann mal ein Naturschutzgebiet sein könnte, hat sich ziemlich früh erledigt. All die Mails und Anrufe waren vergeblich, das jahrelange Erfassen und Melden der Vögel ebenso. Es tut mir in der Seele weh, wie das Gelände immer mehr zerstört wird. Das ehemalige Paradies gehört heute den Menschen ... und den Hunden, die aufgrund des Wohnungsbaus auf dem Gelände des früheren Krankenhauses West-Staaken immer mehr werden und das Gelände oft nur als Müllkippe betrachten.